VOM SCHATTEN IN DAS LICHT

 

 

Durch Schatten wandelnd gehn

Vom Ich ins Licht - verwandelt sehn

 

Ganzleinen, 336 Seiten, 18 Euro

An der Satsangkasse 10 Euro

 

Erscheinungsjahr: 1992

 

 

 

Unheimliches Ich

 

Das Kind trennt nun sich

zur l a n g e n  R e i s e

 

mmer gibt es einen Zeitpunkt im Leben des Menschen, wo dieser zum ersten Male "ich" zu sich sagt. Das geschieht um das dritte Lebensjahr herum, oft ein wenig früher.

 

Wer ich sagt, sagt auch Du. Ich bin hier, und Du bist dort. Wo ich bin, da kannst Du nicht sein. So schafft das ich Unterschied und Trennung. Dabei wollen wir untersuchen, wie es dazu kommt, daß dieses ich erst in einem bestimmten Zeitpunkt in die Seele des Menschen tritt. Betrachten wir dafür den Zustand des kleinen Kindes, das noch nicht "ich" zu sich sagen kann.

 

Es läßt sich beobachten, daß das Kleinkind noch direkt über seine Sinnesorgane lebt. Man gebe ihm einen Gummiball. Es wird bald an ihm lutschen und saugen. Dabei gibt es keinen Unterschied zwischen dem Kind und dem Ball, während es diesen mit seiner Zunge beleckt. Der Ball ist das, was es an ihm schmeckt. Es selbst ist das Schmecken des Balles. Das Kind ist ganz dieses Sinnesorgan, welches in dem Fluß des Lebens aufgeht.

 

Es gibt noch keinen Unterschied zwischen dem Kind, das hier ist und der Mami, die dort ist. So trinkt es von der Mutterbrust, der Lust der weiten Welt, und für das Kind ist die Welt nur da, um den Durst zu stillen, um die Seele zu füllen, mit allem, was diese begehrt.

 

Ganz offen ist das Kind für die Welt, die es umgibt, für die Mutter, die es hält. Auf daß sie es liebt, denn das Kleine ist noch ganz wehrlos und offen.

 

Und wenn es zu krabbeln beginnt, mit dem Ball nun spielt, ist es ganz in dem Ball, der rollt, in dem Ball, der hüpft, dem Ball, der springt. Für uns Erwachsene gibt es den Ball, und dieser kann rollen, hüpfen, springen. Nicht so für das Kleine.

 

Da gibt es nicht den Begriff, der den Gegenstand, die Tätigkeit benennt, nicht den Begriff, der unterscheidet und trennt.

 

So ist der Ball, der rollt, dieses bestimmte Rollen des Balles. Das ist ein ganz anderes Rollen als das, in welches sich, zum Beispiel, eine Holzkugel begibt. So gibt es keine Beziehung zwischen dem rollenden Ball und der rollenden Kugel. Der rollende Ball hat wiederum nichts gemein mit dem hüpfenden Ball.

 

Der Gegenstand geht vollkommen in der Tätigkeit auf, die dieser vollzieht. So bleibt nichts, was eine Beziehung stiften könnte. Und wie der Ball rollen kann: Roll, roll, roll, auf immer neue Weise! Das denkt das Kleine nicht, denn ganz verloren ist es in diesem Rollen des Balles. So ist es dieses Roll, Roll, Roll, immer anders, immer neu ist das Rollen, ist das Kleine, das ganz Ballarollen ist.

 

Die Großen haben eine zweite neben die ursprüngliche Welt gestellt. Das ist die Welt des Begriffs. Dieser schafft Unterschied, schafft Gemeinsamkeiten, um den Unterschied zu überbrücken. In der Welt des Kindes  gibt es keine Begriffe, deshalb auch keine Unterschiede und Gemeinsamkeiten.

 

Für das Kind ist alles eins und einzig. Der hüpfende Ball ist dieser hüpfende Ball, der rollende Ball ist ganz dieser rollende Ball. Ein jedes Ding ist das, was es ist, unwiederholbar in der Schöpfung. Ein Zustand ist das, den wir auf der Ebene der sprachlichen Unterscheidungen nur andeuten können.

 

Diese Worte können deshalb nicht die Welt des kleinen Wesens widerspiegeln. Sie besitzen nicht mehr als eine Hinweisfunktion. So müssen wir die innere Anschauung aufrufen, um den Zustand des Kindes in uns lebendig zu machen.

 

Da sehen wir, wie das Kleinkind  ganz außen in der Welt lebt, in die es sich unterschiedslos verwoben findet. Wenn es Hunger und Durst hat, schaut es nicht auf seinen hungrigen Magen, seine dürstende Kehle, schaut nicht auf Hunger und Durst in ihm. Es blickt auf die Mutter, ist die Mutter, ist ganz Mutter-Brust, welche die dürstende Kehle stillt.

 

 

Da ist kein Unterschied zwischen der Welt und dem kleinen Kind. Die Welt ist Fortsetzung, ist Spiegel seiner selbst, so wie es selber Fortsetzung, Spiegel der Welt ist. Das Kind ist ganz Nachahmung der Welt. Es tut oder versucht zu tun, was die Erwachsenen tun und so wie sie es tun.

 

Es hat noch nicht die Zeichen, seine eigenen Zeichen gefunden, mit denen es sich gegen die Welt zu stellen vermag. So wie die Welt, die das Kind umgibt, so ist die Welt in ihm, mit der es in eins zusammenfließt.

 

Doch ständig schreitet die Entwicklung voran. So kommt der Augenblick, in dem die Sprache geboren wird. Leise beginnen sich Grenzen in die umliegende Welt zu zeichnen. Gegenstände schälen sich heraus, der eine dem anderen gegenübergestellt, und diese Gegenstände haben Namen.

 

Weil ein jedes Ding im Raume ist, von dem anderen getrennt ist, hat ein jedes seinen Namen, und weil ein jedes einen Namen hat, ist es von dem anderen getrennt. Wo Trennung, wo Grenze ist, gibt es Sprache, wo Sprache ist, gibt es Trennung und Grenze.

 

Dabei mag das Kind, schon bevor die Sprache geboren wurde, Laute stammeln, ja, ganze Wörter sprechen: So sagt es "Papa", sagt es "Mama".

 

Doch das ist nur ein erstes Üben der Sprechorgane, die für ihre spätere Aufgabe vorbereitet werden, und diese kann erst beginnen, wenn die Erfahrung der Sprache aufleuchtet.

 

Das Erlebnis ist markant, einschneidend. Ein Wandel hat sich in der Seele vollzogen, und dieser Wandel ist unwiderruflich. Voran heißt nun die glühende Parole, voran auf dem Weg, den die Sprache bestimmt.

 

In den Fluß des Lebens hat sich nunmehr die Grenze des Begriffes gezeichnet. So denkt das Kleine "Balla", während Balla über die Straße rollt, in eine Pfütze rollt. Die Mami schaut zu, gutmütig lächelnd. "Schmutz ist gut, Schmutz ist gesund, Kleines ist gesund", denkt sie, stolz auf ihre antiautoritäre Erziehung.

 

Das Kleine denkt anders, denkt nicht Straße, denkt nicht Pfütze. Es fühlt Straße, hart, eckig, wie sie an den Händchen, an den Knien reibt. Es fühlt Pfütze, das Naß von Pfütze. Doch es denkt bereits Balla, und Balla ist nicht das, was es um Balla fühlt, ist nicht, was wir Pfütze, was wir Straße nennen.

 

Man lese die Autobiographie von Helen Keller, die blind und taubstumm war. Über Wahrnehmung und Denken treten wir in Berührung mit der Welt, die uns umgibt. Die Wahrnehmung ist die Grundlage für das Denken der Begriffe und umgekehrt. Helen Keller konnte nicht sehen, konnte nicht hören, konnte keine rechte Wahrnehmung von der Welt machen.

 

So konnte sich nicht der Boden bereiten, auf dem die Sprache wächst. Doch sprechen zu wollen ist das natürliche Bedürfnis des Menschen. Es lebte in Helen Keller, wie es in einem jeden Menschen lebt. Nur gab es nicht die Wahrnehmung, um der Sprache ins Leben zu verhelfen. So wollte die Sprache geboren werden und wollte geboren werden. Da waren die fortwährenden Geburtswehen von Sprache.

 

Da erschien Miss Sullivan, Lehrerin und Seelenärztin, auf der Bühne ihres Lebens, um Geburtshilfe zu leisten. Sie öffnete das Tor der Wahrnehmung, indem sie den Tastsinn liebevoll der Schulung unterwies, lehrte Helen, sich eine Welt zu ertasten, die im Dunkel lag.

 

Da befinden sich Lehrerin und Schülerin auf einem Spaziergang. Ein unbeholfener Schritt. Helen stolpert und fällt in eine Pfütze. Die Lehrerin eilt herbei, um in die Hand der Kleinen die Zeichen für das Element Wasser zu buchstabieren, mit dem Helen auf so unerwartete Weise in Berührung getreten war.

 

Und während Helen noch unter dem Eindruck des Schockes steht, springt der Funke über, und der Funke bringt Kunde: Das, was sie noch an ihrem ganzen Körper fühlt, ist das, was die Finger der Lehrerin in das Händchen malen.

 

Der Begriff ist geboren, während sein Licht, dem Blitze gleich, das blinde Dunkel erhellt. So lange hatte sich Sprache gedrängt an den Pforten des Bewußtseins, um nun gewaltig ihren Einzug zu feiern. Da rennt Helen über Stock und Stein, wild, hektisch, besessen gleichsam, Gegenstände betastend, die Hand ausstreckend, die Lehrerin malt die Zeichen, während Begriff über Begriff zu leuchten beginnt, die Welt zu leuchten beginnt, in ein Gewand von Sprache gehüllt.

 

Wenn die Sprache über den gewöhnlichen Verlauf der Dinge ihren Einzug hält, dann mag dies nicht mit der gleichen Dramatik geschehen, wie dies bei Helen der Fall war. Doch immer ist es ein großes Erlebnis.

 

Je sensibler die Natur des Menschen ist, desto größer ist das Erlebnis, welches die Sprache enthüllt. Es gibt Menschen, die sich für ihr ganzes Leben an den Augenblick erinnern, in dem sie erstmalig das Licht der Sprache erblickten. Es gibt Menschen, die sich an den Augenblick erinnern, in dem sie das Licht der Welt erblickten, die sich an den ganzen Vorgang erinnern, über den die Gehirnzellen sich in ein graues Gewand von Informationen kleiden, so wie das Yogananda, in seiner "Autobiographie eines Yogis", auf eindrucksvolle Weise beschreibt.

 

Dabei zeichnet die Sprache zunächst ganz leise ihre Grenzen in die Welt hinaus. Da ist schon der Begriff, doch es ist der Begriff, der mit Leben erfüllt ist. Da ist Balla, und er bleibt Balla, gleich ob er rollt, ob er springt; er bleibt auch Balla, wenn eine Nadel hineinsticht, die Luft entweicht.

 

Doch das kleine Kind lebt anders in dem Balla, der am Boden liegt, anders in dem Ball, der rollt, dem Balla, der springt, dem Ball, ein Fetzen Gummi, den Papa zum Flicken bringt. Der Begriff ist nicht statisch, er ist offen, verwandlungsfähig, lebt mit, lebt in der Bewegung, die er ausführt.

 

Wenn nun die Sprache ihren Einzug hält, wird noch nicht das ich in der Seele des Kindes geboren. Zwar ist die Fähigkeit zur Sprache eine notwendige Voraussetzung für die Entstehung des ich-Bewußtseins. Doch kann das ich nicht an Gedankenbildern aufleben, wie Ball, Tisch oder Stuhl. Es kann nicht an Begriffen erwachen, die Gegenstände beschreiben, welche sich im Raum befinden.

 

Aufleben kann es erst an den Benennungen, die den Träger des Bewußtseins selber beschreiben, an Begriffen, wie brav, böse oder gut. Es handelt sich hier um Benennungen, die einen höheren Grad von Abstraktionsfähigkeit erfordern. Erst wenn sich dieser in der Seele entwickelt hat, kann das ich seinen Einzug halten.

 

Die Wissenschaft fragt sich, ob bei gewissen höherentwickelten Tierarten eine Fähigkeit zum Denken vorhanden ist. Die Antwort hängt im wesentlichen davon ab, wie man das Denken definieren will. Wie sie aber auch lauten mag, man kann sich leicht darauf einigen, daß es kein Tier gibt, das Begriffe denken kann, die Eigenschaften von Lebewesen beschreiben. Im Tier kann deshalb kein Gedankenbild aufleben, an dem sich das ich-Bewußtsein entzünden könnte, so wie wir dieses bei dem Menschen kennen.

 

Das ist nun wieder ein ganz wesentlicher Einschnitt in dem Leben des Menschen, in dem das ich-Erlebnis in die Seele tritt. Da dieser Zeitpunkt um das dritte Lebensjahr herum liegt, bleibt er oft dem Erinnerungsvermögen erhalten.

 

Ich heißt, ich hier und Du dort, heißt Trennung. Schon das erste Aufleuchten von Sprache hatte seine Konturen in die Welt hinausgezeichnet, die in sich zu spalten begann. Nun ist die Spaltung doppelt, denn sie ist eine Spaltung zu dem, was in sich gespalten ist.

 

Die Erfahrung, wenn sie sich einstellt, ist nicht dramatisch. Sie ist still, ist heimlich. Ein wenig unheimlich ist diese Erfahrung, die das Kind von der Welt nun trennt.

 

So beginnt es, sich ein wenig von der Mami zu lösen, in die es vorher ganz verwoben war. Doch soll die Mami weiterhin die Liebe geben, die es begehrt. Doch manchmal wird ihm diese Liebe auch verwehrt. So fühlt das Kind: Wenn ich lieb bin, ist Mami lieb zu mir. Wenn ich böse bin, ist sie böse zu mir. Doch ich kann lieb sein, kann böse sein. So sehen wir, das ich-Bewußtsein schafft Trennung, doch es legt auch den Keim zur Freiheit.

 

Das Kleinkind hat noch keine Freiheit. So wie es in der Welt ist, ist diese in ihm, so daß beides unterschiedslos ineinanderfließt. So ist da nichts, was gegenüber der Welt frei oder unfrei sein könnte. Es gibt nur das eine, und das ist die Gestalt Kleines-Welt.

 

Sobald das ich aber geboren ist, gibt es zwei, das ich und die Welt also, die nun einander gegenübertreten. So gibt es Auseinandersetzung und Widerspruch. Gleichzeitig gibt es verschiedene Möglichkeiten des Handelns, die dem Kinde zur Wahl stehen.

 

Immer mehr Wahlmöglichkeiten bieten sich an, die auch beängstigen können. Das Kind, das sich von der Mami gelöst hat, möchte zu ihr zurückfinden, sich mit ihr in Liebe verbinden. Die Sehnsucht nach Liebe führt zu der Angst, daß diese ausbleiben könnte.

 

Je größer die Angst ist, desto geringer ist die Freiheit. Das gleiche gilt umgekehrt. Es ist gut, wenn Mami das Kleine liebt, für das, was es will und nicht für das, was sie will, daß das Kleine wollen soll. Dann stützt die Liebe die Freiheit, dann mindert sich die Angst.

 

Leben ist Wachsen, und Wachsen heißt Lösung von Mami, von Papi, Lösung von der Liebe, die sie geben können, wollen, sollen. Wachsen heißt Minderung der Angst, heißt Mehrung der Freiheit.

 

In dem Lösungsprozeß des Kindes gibt es Stadien, die es durchlaufen muß. Das Alter von sieben, von neun zweidrittel, von zwölf Jahren sind Grenzsteine auf dem Weg. Es soll nicht unsere Aufgabe sein, diese Lebensabschnitte im einzelnen zu betrachten. Man lese in den erziehungswissenschaftlichen Werken von Rudolf Steiner. Da beschreibt er, was sein Blick hellsehend schaut, besser als ich dies jemals vermag.

 

Die eigentliche Ablösung ereignet sich in der Pubertät. Doch nie kann sich diese ganz vollenden, solange der Mensch im ich noch steht. Weiter sehnt sich der erwachsene Mensch nach Liebe von Papa und Mama. Weiter lebt er in der Angst, verlassen zu werden, allein zu sein. Wenn er sich auch nicht unter dem Rockschoß von Mami verkriechen mag, so sucht er doch weiter Geborgenheit in der Gruppe, die ihn umhegt.

 

Er denkt und fühlt, so wie die anderen es tun oder doch weitgehend so, weil dies Anerkennung, Bestätigung gibt, die Illusion der Liebe nährt, nach der er begehrt. So verschreibt er sich einer Ideologie, einer Wissenschaft, einem Glauben

 

In einer Gruppe besteht ein Konsens über das, was richtig und was falsch ist. Das geht bis in Tonfall und Stimme, in die Gebärde hinein. Man beobachte ein Gruppe von Arbeitern, wie sie sich am Biertisch gebärden, laut polternd, als seien sie ganz frei. Man betrachte eine Gruppe von Akademikern, wie sie sich verhalten, lächelnd höflich, als wüßten sie, was sich gehört. Man beobachte den Arbeiter unter Akademikern und umgekehrt. Da prallen die Rollenmuster aufeinander, ein polternder Wirbel von Höflichkeit.Das ist nur ein Bild, eine grobe Verallgemeinerung. Wir verstehen uns recht.

 

Der Mensch verhält sich konform, um Geborgenheit, um Liebe zu finden. Das ist die Liebe, die Papi und Mami nie ganz gegeben haben, nie ganz geben konnten. Das ist die Liebe, die sie nicht mehr geben können; denn nun sind sie weit fort, im Himmel oder auf Erden.

 

Genug davon. Man lese Erich Fromm, wie er den Lösungsprozeß beschreibt. Alles lebendige Gedanken, die er aus sich herauszuschaffen vermochte, doch von einem Schleier der Illusion zugedeckt, ganz leicht. Ein tiefer Blick, der den Dingen auf den Grund schaute. Doch ins Grundlose zu schauen, vermochte er nicht.

 

Nie ist die Lösung ganz, nie die Freiheit ganz, solange der Mensch im ich steht. Das ich ist die Bindung an die Vorstellung und diese Bindung ist eine Tarnung der Angst. Der Mensch möchte sich mit einem Bild identifizieren, das ihm Anerkennung, Liebe bringt. Dann, so meint er, ist er nicht mehr allein.

 

Das begehrte Selbstbild ist es, das seine Gedanken und Taten bestimmt. Dieses Wort noch, jenes nicht mehr, sie könnten denken, Du seist dumm, arrogant, liederlich.

 

Da ist auch Freiheit, die Möglichkeit, der Gesellschaft den Rücken zu kehren, so zu handeln, wie es ein innerer Impuls eingibt. "Es schert mich einen Teufel, was die anderen über mich denken mögen", sagt er sich. "Ich tue, was ich für richtig halte." Und er tut es, doch ach, nur hier und da, nur für kurze Zeit.

 

Die Angst lauert im Hintergrund und treibt ihn alsbald zurück, in den Schoß der Gesellschaft, die Liebe verspricht. Doch diese erweist sich alsbald als Zwangsjackett, und wieder bricht er aus, um wieder heimzukehren, ein müder Krieger, der sich Balsam für die Wunde erhofft, die einsamer Kampf in die Seele riß. So geht es hin und her, immer vor und zurück, immerzu.

 

Doch die neue Bewegung ist nie gleich der alten. Leben ist Wachsen. So ist die Bewegung der Spirale gleich, die uns aufwärts treibt. Und einmal steht er an ihrem äußersten Punkt. Da gibt es kein Vor mehr. Doch auch Stillstand gibt es nicht in einem Leben, das immer Bewegung ist. Also zurück!? Nein, auch das Zurück gibt es für Dich nicht mehr. Wenn Du eine gewisse Höhe des Bewußtseins erreicht hast, kannst Du nie mehr zuückkehren.

 

Auch wenn Du am äußersten Ende stehst, in diesem Leben oder in einem nächsten, auch dann mußt Du voran. Und da es keinen Weg mehr gibt, auf dem Du voranschreiten könntest, mußt Du ins Unwegsame, ins Uferlose springen. Doch dann bist Du allein. All-ein bist Du, denn da ist nicht mehr die Vorstellung, um über Dich und Dein Tun zu wachen. Alles Leben fließt nun frei, ohne Bindung und Band, unbändig frei, von innen her.

 

Doch auch der Mensch, der im ich-Bewußtsein steht, besitzt eine gewisse Freiheit der Wahl. Er kann dieses tun und jenes lassen. Seine Freiheit findet sich jedoch begrenzt durch die Vorstellung, mit der sich sein Bewußtsein identifiziert. So lenkt sie des Menschen Tun in die Bahnen, die die Angst gegraben hat.

 

Die Vorstellung ist einem elektrischen Draht gleich, der einen Laufkäfig umgibt. Innerhalb seiner Grenzen bewegt er sich frei. Jenseits der Einzäunung befindet sich eine phantastische Welt, anziehend und verlockend. So werfen wir manch sehnsüchtigen Blick über den Zaun, strecken den Hals hinüber und schnuppern in den Wind, der von der anderen Welt herüberweht.

 

Und manchmal, wenn wir ganz mutig sind, strecken wir einen Fuß aus, um ihn hinüberzusetzen in die neue Welt. Doch sogleich durchfährt uns der Schlag der Angst. Wir schrecken zurück.

 

Das ich fängt den Menschen in seine Grenzen ein. Es schafft eine Schonzeit. Du sollst wachsen, bis Du reif bist für die große Freiheit, die hinter der Einzäunung lebt. Ständig wächst die Freiheit in Dir, und während sie wächst, weitet sich die Einzäunung, die Dich gefangenhält; denn die Grenze besteht nur in Deiner Vorstellung.

 

So können Deine Vorstellungen, Deine Grenzen sich weiten. Doch bleiben sie Grenzen, ins Unendliche weiten können sie sich deshalb nicht.Einmal werden Deine Begrenzungen so weit sein, daß Du sie nicht mehr weiter stecken kannst.

 

Dann stehst Du vor der letzten Grenze. Sie ist es, die Dich von dem Unendlichen trennt. Doch Du mußt weitergehen. Diese Grenze mußt Du deshalb niedertreten. Und Du wirst sie niedertreten, wenn Deine Zeit gekommen ist, wenn Dich die große Freiheit ruft.

 

Der Stromschlag wird Dich durchfahren, bei jedem Schritt, den Du nach vorne tust. Doch Du schaust auf die Freiheit, die Grenzenlose, die zu Deinen Füßen liegt. Und der Schlag der Angst wird zum Strom der Freude, der Deine Glieder durchfährt; und Du springst voran in die große Freiheit, die ihr Kind liebend umfängt. Es kehrt nicht wieder.

 

Sagen wir das gleiche neu: Nichts gibt es, das die freie Bewegung des Kleinen hemmen könnte. So ergeht es sich ganz ungehemmt, nur durch die Gesetze des Physischen begrenzt. Wir lieben die Kinderaugen, wie sie arglos die Welt betrachten. Wir lieben das Lachen des Kindes, das Vielgepriesene, scheinbar ganz frei. Doch das freie Spiel des Kindes ist die Freiheit der Natur, die im Kinde spielt. Wie an unsichtbaren Fäden findet sich das Kind geknüpft. Die verbinden es mit der Natur, die sein Leben ganz bestimmt.

 

Wenn der Mensch ins ich-Bewußtsein tritt, werden die Fäden zerschnitten, der eine nach dem anderen. Nach und nach werden all die Fäden zertrennt, während der Mensch sein eigenes Leben zu leben beginnt. Da entfaltet sich ein immer breiteres Feld von Möglichkeiten, dies zu tun und jenes zu lassen.

 

Doch während die alten Fäden zerschnitten sind, knüpft sich ein neues Band. Das ist des Menschen eigenes Band, das sich an die Natur zurückgeknüpft findet. Wenn das Bewußtsein sich seiner bewußt wird, ist der Mensch ganz frei von der Natur, ganz frei für sie.

 

Von der Natur fand sich der Mensch getrennt. in Freiheit findet er sich zurückgeschenkt. Einem Marionettenpüppchen gleich ist das Kleine, an Fäden lose aufgeknüpft. Das Große ist einem Puppenspieler gleich, der sich als Puppe verpuppt. Es bewegt an seidnen Fäden sich, die Es bewegt.

 

Dicht-end sich so aneinanderschmiegt, was, ach, wortend voneinander trieb. Doch worten wir weiter...

 

 

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